Das Fachsymposium „Ich kann Studium!“

Abschlüsse müs­sen immer auch Anschlüsse sein!
Das Fachsymposium „Ich kann Studium!“ the­ma­ti­sier­te die Vereinbarkeit von Studium und Spitzensport

Erfolge im Spitzensport kön­nen gelin­gen, wenn das dafür nöti­ge Umfeld „stimmt“. Wer Bestwerte und Medaillen will, braucht „pas­sen­de“ fach­li­che, medi­zi­ni­sche, finan­zi­el­le Unterstützung und selbst­ver­ständ­lich auch beruf­li­che Wegbegleiter, die sport­li­che Höchstleistung und per­sön­li­chen Werdegang mit­ein­an­der in Einklang brin­gen.
Nach den Konferenzen „Ich kann Trainer!“ (2011) und „Ich kann Gold!“ (2014) setz­te das Berliner Institut für Leistungssport & Trainerbildung (ILT) der Hochschule für Gesundheit & Sport, Technik & Kunst (H:G) die gemein­sam mit dem Olympiastützpunkt Berlin (OSP) kon­zi­pier­te und in Kooperation mit der Humboldt-Universität zu Berlin durch­ge­führ­te Fachtagung „Ich kann Studium!“ die­se Vortrags- und Diskussionsreihe Ende September 2017 fort. Im Sinne einer dua­len Karriere stand dies­mal die Vereinbarkeit von Spitzensport und Studium für Kaderathleten im Fokus der Veranstaltung.

ILT-Direktor Prof. Dr. Jochen Zinner und Andreas Hülsen (Laufbahnberater am OSP Berlin) begrüß­ten dazu über 60 Akteure aus Spitzensport, Wissenschaft, Hochschulsport und Sportpolitik, u.a. von ver­schie­de­nen Olympiastützpunkten, Fachverbänden, Universitäten und Hochschulen, des Berliner Senates sowie der Bundeswehr. Olympiasieger, -medail­len­ge­win­ner und -teil­neh­mer von ges­tern, heu­te und „mor­gen“ wie Andreas Kuffner (Rudern), Samuel Schwarz (Eisschnelllauf), Imke Duplitzer (Fechten), Maria Kurjo (Wasserspringen), Tim Matthes (Handball) oder Ole Braunschweig (Schwimmen) brach­ten ihre Athletensicht der Dinge anhand ihrer Karrierewege auf dem Podium und aus dem Publikum her­aus in die Diskussion ein.

Zunächst – als ers­ten Aufschlag - erör­ter­te Dr. Harry Bähr (Leiter des OSP Berlin) unter dem Motto: „Der Weg in die Hochschule“ die sys­te­ma­ti­sche sowie eng­ma­schi­ge Betreuung Berliner Athleten bei der Studienfachwahl durch die Laufbahnberatung am OSP und die Spitzensportbeauftragten der Hochschulen. Dabei wies er auf die Herausforderungen hin, die sich für alle dar­an Beteiligten aus der aktu­el­len Leistungssportreform erge­ben und beton­te die Wichtigkeit eines über eine „Profilquote Sport“ opti­mier­ten Hochschulzuganges für Kaderathleten. Mit Ergebnissen eines Projektes an den drei Berliner Eliteschulen des Sports lenk­te Andreas Hülsen anschlie­ßend den Blick auf den Studienentscheidungsprozess der „Olympiasieger von über­mor­gen“. Fast die Hälfte aller dor­ti­gen Schüler äußer­te schon kon­kre­te Vorstellungen über ihr gewünsch­tes Studienfach; fast ein Drittel zumin­dest eine ers­te Tendenz. Besonders gefragt: Betriebswirtschaftslehre, Psychologie, Rechtswissenschaften und Sport mit Lehramtsoption, aber auch Verfahrenstechnik, Verkehrswesen oder Architektur. Eine kurz vor der Tagung durch­ge­führ­te Stichprobe im Abiturjahrgang 2018 des Berliner Schul- und Leistungssportzentrums unter­mau­er­te die Bandbreite des Studieninteresses und somit die Bedeutung des Übergangsmanagements an der Schnittstelle Eliteschule des Sports - Universität / Hochschule. Hülsen dazu: „Abschlüsse für Spitzensportler müs­sen immer auch Anschlüsse sein!“

Diesen Gedanken nahm Andreas Mues, Kanzler der H:G, in sei­nen Ausführungen zu ethi­schen Aspekten der Talentförderung auf und ver­wies auf moder­ne Studienformate u.a. am H:G-Institut für Leistungssport & Trainerbildung, die semi­vir­tu­el­le Lernkonzepte und uni­ver­si­tä­re Präsenzphasen (Blendend-Learning) mit­ein­an­der kom­bi­nie­ren. „Wenn Abschlüsse wirk­lich Anschlüsse sein sol­len, soll­te man im Sinne der dua­len Karriere inno­va­ti­ve Studienformate aktiv nut­zen und im leis­tungs­sport­li­chen Kontext pro­ak­tiv gestal­ten“, so Mues.

Während Prof. André Schneider (Hochschule Mittweida) das Thema Studienwahlentscheidung mit einem inten­siv dis­ku­tier­ten Verlaufsmodell ergänz­te, kon­zen­trier­te sich Wirtschaftspädagoge Prof. Dr. Dr. h.c. Jürgen van Buer (Humboldt Universität zu Berlin/HU) auf die Bedürfnisse stu­die­ren­der Leistungssportler. Mit sei­nem Beitrag erläu­ter­te er ihre Studieninteressen, ihr Lebens- und Kohärenzgefühl sowie die von ihnen wahr­ge­nom­me­ne Unterstützung im OSP und an der HU, wobei er sich auf eine an der HU von Andy Borchert (vor­mals HU-Projektkoordinator Spitzensport) und Hülsen durch­ge­führ­te Untersuchung stütz­te. „Vor allem struk­tu­rel­le Veränderungen an Universitäten / Hochschulen machen recht­li­che Rahmenbedingungen zur Flexibilisierung von Studium für zahl­rei­che Studierendengruppen und somit auch für den Leistungssport erfor­der­lich“, so Prof. van Buer. Herausgearbeitet wur­den auch die Nachteile, die sich im Bezug auf den ver­spä­te­ten Berufseinstieg eben für die Lebensverläufe von Sportler*innen erge­ben. Sein Zwischenfazit: Für die befrag­ten Spitzensportler*innen ist der Fakt, simul­tan zu ihrem Eingebunden-Sein in den Spitzensport stu­die­ren zu kön­nen, abso­lut wich­tig. Sie stu­die­ren pri­mär aus intrinsi­schem Studieninteresse her­aus. Zusätzlich zeig­te Prof. van Buer auf, dass im Urteil der Befragten über die Wahl des Studiums der Unterstützung durch die Familie bzw. durch Freunde eine domi­nan­te Rolle zukommt. Damit wird sicht­bar, welch zen­tra­le Rolle die­ser Bereich im Gesamtbereich der den Spitzensportler*innen ver­füg­ba­ren sozia­len Ressourcen spielt. Hier zeigt sich ein ähn­li­ches Bild, wie es in den ein­schlä­gi­gen Studien zur Studienwahl, die aus der Hochschulforschung vor­lie­gen, durch­gän­gig auf­scheint.

Anschließend rück­te Prof. Dr. Thomas Borchert (Universität Leipzig) päd­ago­gisch geschickt im Rahmen eines Podiumsgespräches Athleten mit unter­schied­li­chem Ausbildungsstatus in den Mittelpunkt. So dis­ku­tier­ten u.a. Maria Kurjo (der­zeit im Rahmen ihres Studiums Hospitantin am ILT) und Olympiasieger Andreas Kuffner unter der Fragestellung "Was muss sich ver­än­dern?“ die zuvor von Dr. Sven Baumgarten ganz­heit­lich und ein­drucks­voll noch ein­mal aus Sicht des DOSB dar­ge­stell­ten aktu­el­len Herausforderungen unter dem Motto „mög­li­che und unmög­li­che Rahmenbedingungen“. In der leb­haf­ten Debatte sowohl zwi­schen den Vorträgen als auch zum Abschluss wur­de die hohe Motivation der Konferenzteilnehmer deut­lich, den Athleten mög­lichst opti­ma­le Rahmenbedingungen für größt­mög­li­chen Erfolg in ihren bei­den Lebenswelten - Leistungssport und Ausbildung - zu ver­schaf­fen. Ein „Wettbewerb zwei­er Karrieren" soll ver­mie­den, ein sich ergän­zen­des Miteinander posi­tiv gestal­tet wer­den - egal ob par­al­lel oder zeit­ver­setzt. Einige Teilnehmer erklär­ten sich bereit, die Ergebnisse der Konferenz zusam­men­zu­fas­sen und für die wei­te­re Diskussion zwi­schen den betei­lig­ten Institutionen auf­zu­be­rei­ten, um den kon­struk­ti­ven Dialog der Tagung fort­zu­set­zen.