World Relays auf den Bahamas mit Dr. Ralf Buckwitz


Schon seit 1995 ist Dr. Ralf Buckwitz als Biomechaniker für den Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) im Einsatz, seit 2000 betreut er an der Seite des Bundestrainers die DLV-Sprintstaffeln. Das Gold der deut­schen 4x100 Meter-Sprinterinnen bei den World Relays hat der Berliner, der am Olympiastützpunkt als Koordinator für die Sportverbände beschäf­tigt ist, aus nächs­ter Nähe mit­ver­folgt. Im Interview gibt er Einblick in die Geheimnisse des Staffellaufs, die Handschrift von Bundestrainer Ronald Stein und das Streben nach dem per­fek­ten Rennen - von dem er eines schon gese­hen hat.

Dr. Ralf Buckwitz, Sie sind seit rund 17 Jahren mit deut­schen Staffeln unter­wegs. Wie vie­le Staffelläufe haben Sie wohl schon live mit­er­lebt?

Ralf Buckwitz:
Naja, im Jahr sind es meist zwi­schen acht und zehn. Ich bin aller­dings nicht bei allen Rennen dabei. Vielleicht kommt man dann auf 150. Also: 100 Rennen habe ich bestimmt schon gese­hen und ana­ly­siert.

War für eine deut­sche Staffel schon mal das per­fek­te Rennen dabei?

Ralf Buckwitz:
Ja, der deut­sche Rekord der Männer [Anm. d. Red: 38,02 sec 2012 in Weinheim, mit Julian Reus, Tobias Unger, Alexander Kosenkow und Lucas Jakubczyk] war schon so ein Rennen. Da lief so ziem­lich alles opti­mal. Daher hat er auch noch immer Bestand, obwohl die ein­zel­nen Sprintleistungen jetzt bes­ser gewor­den sind.

Dass das Finale der DLV-Sprinterinnen in Nassau (Bahamas) nicht per­fekt war, konn­te man auch als Laie sehen - der ers­te Wechsel lief etwas holp­rig. Was hat das Quartett den­noch so stark gemacht?

Ralf Buckwitz:
Es waren zwei sehr gute Wechsel dabei und ein aus­bau­fä­hi­ger. Der Schlüssel zum Erfolg war aber, dass die Ablaufende voll durch­be­schleu­nigt hat - unab­hän­gig davon, wo der Wechsel statt­ge­fun­den hat. Dadurch wer­den Wechsel gene­rell schnel­ler, egal, an wel­cher Stelle des Wechselraums der Stab über­ge­ben wird. Viele Sprinterinnen der ande­ren Nationen sind ange­lau­fen, haben gebremst, geguckt, haben Angst gehabt. Dadurch kommt die Ablaufende schwe­rer ins Rennen.

Welche Rolle spielt hier der Faktor Vertrauen?

Ralf Buckwitz:
Das ist eine ganz ent­schei­den­de Frage. Der Ablaufende braucht das Vertrauen, dass der Anlaufende die Sache im Griff hat. Er muss sich trau­en voll zu star­ten. Wenn der Anlaufende ihn nicht errei­chen kann, gibt es Mechanismen, um das zu kor­ri­gie­ren - frü­her „Hep" zu rufen, dann geht der Arm frü­her raus und die Geschwindigkeit sinkt. Der Ablaufende muss das Vertrauen haben, dass das funk­tio­niert. Die Komponenten sind Vertrauen, Übung und Erfahrung.

Wie viel Zeit kann eine Staffel, die gut wech­selt, im Vergleich mit einer Staffel, die schlecht wech­selt, gut machen - bei kon­stan­ten Sprintleistungen?

Ralf Buckwitz:
Der Unterschied zwi­schen einem sehr guten und einem sehr schlech­ten Wechsel macht bestimmt zwei­ein­halb Zehntel aus. Der Unterschied zwi­schen einem nor­ma­len und einem guten Wechsel auch min­des­tens eine Zehntel. Wenn eine Staffel also nicht nor­mal, son­dern gut wech­selt, ist sie schon mal drei Zehntel schnel­ler. Auch die Sprintleistung der ein­zel­nen Staffelläufer schwankt ja von Rennen zu Rennen um rund zwei Zehntel, ist mal mehr, mal weni­ger am Optimum.

Man kann also aus­rech­nen, wie schnell eine Staffel in einer spe­zi­fi­schen Zusammensetzung im best­mög­li­chen Fall ren­nen kann?

Ralf Buckwitz:
Genau. Das haben wir damals beim deut­schen Rekord der Männer auch gemacht, und die Zeit von Weinheim ging in die errech­ne­te Richtung. Weil die Einzelleistungen jetzt noch bes­ser sind, sind wir daher auch opti­mis­tisch, dass die­ser Rekord dem­nächst wie­der fal­len kann, wenn mal alles ver­nünf­tig läuft. Eigentlich hat­ten wir schon bei den Olympischen Spielen dar­auf gehofft.

Aus Ihren Antworten kann man her­aus­hö­ren, dass die Gleichung „guter Sprinter = guter Staffelläufer" nicht auf­geht…

Ralf Buckwitz:
Nein, das funk­tio­niert tat­säch­lich nicht auto­ma­tisch, da gibt es ja auch genü­gend Beispiele. Großbritannien übt das jetzt schon eine gan­ze Weile… Es sind zwei Kurvenläufe dabei, es sind drei Wechsel dabei, man muss die Nerven bewah­ren, man braucht ein gutes Auge um zu erken­nen, was sich vor einem tut. Gut in der Staffel zu lau­fen ist etwas ande­res als gut im Einzel zu sprin­ten.

Erinnern Sie sich an beson­ders talen­tier­te deut­sche Staffelläufer?

Ralf Buckwitz:
Im Quartett der Bahamas zum Beispiel Alexandra Burghardt. Die hat Nerven wie Drahtseile. Als Startende über­gibt sie feh­ler­frei den Stab, als Ablaufende läuft sie immer Punkt null ab, das sind ganz siche­re Wechsel. Die Ablaufgenauigkeit ist ein wesent­li­ches Kriterium. Wenn man da eine hohe Konstanz erreicht, ist das natür­lich super.

Ein Sprinter, der vor 22 Jahren sei­nen ers­ten Einsatz in einer deut­schen Nationalstaffel hat­te und noch immer im deut­schen Staffel-Aufgebot steht, ist der Wattenscheider Alexander Kosenkow.Was ist sein Geheimnis?

Ralf Buckwitz:
Er läuft auf einer Position, die sehr schwie­rig ist: Position drei, in der Kurve. Dort pas­sie­ren häu­fig Fehler. Der Ablaufende läuft in die Kurve, der Anlaufende kommt von der Geraden. Alexander Kosenkow ist ein aus­ge­zeich­ne­ter Kurvenläufer und dort in der Vergangenheit schon extrem schnell gelau­fen. Er hat dar­über hin­aus nun auch die Erfahrung, sodass er immer kon­stant abläuft und sich nicht von dem beir­ren lässt, was um ihn her­um pas­siert.

Das heißt, ein eta­blier­ter Staffelläufer ist in einer Formation schwer zu erset­zen?

Ralf Buckwitz:
Sagen wir es so: Wenn ein Trainer einen Athleten im Aufgebot hat, der sich bewährt hat, dann spielt für die Aufstellung eine um fünf Hundertstel schnel­le­re oder lang­sa­me­re Laufleistung nicht die ent­schei­den­de Rolle. Es ist immer schön, wenn sich jemand mit schnel­le­ren Zeiten ins Gespräch bringt. Aber des­we­gen wird nicht gleich die Staffel umge­schmis­sen, wenn man auf eine ein­ge­spiel­te Formation zurück­grei­fen kann.

Lässt sich bei Staffeln oder Nationen auch eine bestimm­te Handschrift des zustän­di­gen Trainers erken­nen?

Ralf Buckwitz:
Es gibt durch­aus Unterschiede, auch im Training. Es gibt Trainer, die stark auf Zahlen fixiert sind, stark den direk­ten Vergleich her­an­zie­hen, es gibt Trainer, die ver­su­chen, gemein­sa­me Erfolgserlebnisse her­vor­zu­ru­fen, um das Selbstbewusstsein im Team zu stär­ken…

Wie wür­den Sie den Stil des deut­schen Staffel-Bundestrainers Ronald Stein beschrei­ben?

Ralf Buckwitz:
Ronald Stein legt Wert auf Erfahrung. Und wählt im Zweifel die siche­re Variante - kei­ne Kamikaze-Wechsel. Außerdem ist es ihm wich­tig, dass sich die Sprinter ver­trau­en. Im Training ist alles Theorie, da sind die deut­schen Staffeln schon wahn­sin­nig schnel­le Zeiten gelau­fen, schnel­ler als im Wettkampf. Aber das nützt nichts, wenn es im Wettkampf nicht funk­tio­niert. Dieses Vertrauen muss man auf­bau­en. Wenn ich im Training immer bei 25 Metern wechs­le, ist die Gefahr, dass es im Wettkampf dane­ben geht, grö­ßer, als wenn ich bei 20 Metern wechs­le. Das bleibt den Athleten im Kopf hän­gen. Ronald Stein ist es wich­tig, dass im Training Vertrauen auf­ge­baut wird und dass sich die Athleten sicher sind in dem, was sie tun.

Da hilft es ver­mut­lich auch, wenn sich die Athletinnen wie jetzt in der aktu­el­len Staffelformation gut mit­ein­an­der ver­ste­hen…

Ralf Buckwitz:
Ja - und das ist nicht selbst­ver­ständ­lich! Die Sprinterinnen sind zuerst Konkurrentinnen. Mit sechs Athletinnen reist eine Staffel zum Wettkampf an, nur vier kön­nen lau­fen. Da geht schon mal das ers­te Problem los. Dann hof­fen alle auch auf Einzelnormen, es gibt aber pro Strecke nur drei Startplätze und womög­lich muss eine Athletin mit Norm zuhau­se blei­ben. Dass sich also in der Staffel sofort der Teamgedanke ein­stellt, ist nicht ein­fach und nicht selbst­ver­ständ­lich. Dafür muss man etwas tun.

Von wel­chen Staffeln kön­nen Sie sich noch etwas abschau­en?

Ralf Buckwitz:
Wir haben uns in Rio die Japaner und die Chinesen genau ange­schaut. Die haben super Wechsel gehabt, die müs­sen wild trai­niert haben, ansons­ten wür­de das nicht funk­tio­nie­ren. Das sind unse­re direk­ten Konkurrenten, dem­zu­fol­ge müs­sen wir das auch hin­krie­gen. In Deutschland war der Fokus im Sprint der Männer eine Weile mehr auf die Einzelleistungen gerich­tet. Das ändert sich jetzt wie­der, mög­li­cher­wei­se auch bedingt durch das Abschneiden bei den Olympischen Spielen [Anm. d. Red: Dort ver­pass­ten die DLV-Sprinter als Neunte der Vorläufe das Finale]. In die­sem Jahr wird wie­der mehr Wert auf die Wechsel gelegt.

Welches war das emo­tio­nals­te Rennen, das Sie je mit­ver­folgt haben?

Ralf Buckwitz:
Ich war ja nicht bei allen Meisterschaften mit dabei. Aber für mich per­sön­lich war die Goldmedaille der Frauen jetzt bei den World Relays über 4x100 Meter das Beeindruckendste, was ich erlebt habe. Im Sprint mit Konkurrenz aus den USA und Jamaika die deut­sche Fahne zu sehen, das kann man sich schon mal ein­rah­men. Und über 4x200 Meter der Frauen haben wir die Amerikanerinnen besiegt. Man merkt, dass man nach die­sem Erfolg anders ernst­ge­nom­men und anders wahr­ge­nom­men wird. Wir sind anschlie­ßend von vie­len ande­ren Nationen ange­spro­chen wor­den.

Die Siegerzeit von 42,84 Sekunden lag aller­dings doch deut­lich über der Leistung des Vorjahres, als die DLV-Staffel in Regensburg 42,00 und in Mannheim 41,68 Sekunden gerannt ist. Woran lag das?

Ralf Buckwitz:

Die Zeiten sind in Nassau eigent­lich irrele­vant. Man hat gese­hen, dass fast alle Staffeln eine Sekunde lang­sa­mer waren als nor­ma­ler­wei­se. Der Starter steht in Nassau 30 Meter weit weg, daher ist die Reaktionszeit lang­sa­mer, auf der einen Seite hat man 3,5 Meter pro Sekunde Gegenwind, auf der ande­ren Seite 3,5 Meter pro Sekunde Rückenwind. Wichtig ist in dem Stadion nur der direk­te Vergleich.

Was kön­nen wir bei der WM in London (Großbritannien; 4. bis 13. August) erwar­ten?

Ralf Buckwitz:
Die Mädels hat­ten jetzt mal so einen Erfolg und wis­sen, dass das funk­tio­niert. Da wol­len sie natür­lich nicht mehr Vierte wer­den. Die Amerikanerinnen und die Jamaikanerinnen zu bezwin­gen ist immer äußerst schwie­rig. Aber auch die müs­sen erst ein­mal drei ver­nünf­ti­ge Wechsel hin­krie­gen. Um eine Medaille wer­den die deut­schen Frauen immer lau­fen. Die Athletinnen sind jung, und wir haben eine gro­ße Breite an talen­tier­ten Sprinterinnen - sie kön­nen noch vie­le Erfolg fei­ern.
Auch bei den Männern ist nicht aller Tage Abend. In Rio sind wir geschei­tert, das hat­te Ursachen. Bei den Männern sind inter­na­tio­nal alle Staffeln dicht bei­ein­an­der. Da müs­sen alle im ent­schei­den­den Moment top­fit sein und die Wechsel müs­sen pas­sen. Die Ausgangslage ist aber die­sel­be wie in den ver­gan­ge­nen zwei, drei Jahren. Und da konn­ten wir immer um den deut­schen Rekord sprin­ten.
Text: Silke Bernhart
Quelle: www.leichtathletik.de