Karolina Pahlitzsch und der ungewöhnliche Weg bis in die deutsche Spitze

Als Zweite über 400 Meter stei­ger­te Karolina Pahlitzsch (LG Nord Berlin) ihre Bestleistung bei den Deutschen Meisterschaften in Braunschweig um mehr als sie­ben Zehntel. Mit jetzt 51,88 Sekunden dürf­te die 26-Jährige auch für die DLV-Staffel zu einer fes­ten Stütze wer­den. Die Konstante an ihrer Seite auf ihrem ganz eige­nen Weg: Trainer Bernd Knobloch.

Als der Konkurrenz die Puste aus­ging, fass­te Karolina Pahlitzsch noch ein­mal neu­en Mut. Eingangs der Zielgeraden lag die Berlinerin im Finale über 400 Meter bei den Deutschen Meisterschaften in Braunschweig noch zurück. Aber dann zün­de­te sie den Turbo, ließ eine Läuferin nach der ande­ren ste­hen und stürm­te an ihnen vor­bei. Nur die Siegerin Corinna Schwab (LG Telis Finanz Regensburg) war am Ende nicht mehr ein­zu­ho­len, sie sorg­te in 51,72 Sekunden für die schnells­te DM-Zeit seit 2001. Doch gleich dahin­ter kam Karolina Pahlitzsch, die mit 51,88 Sekunden und einer Steigerung ihrer Bestleistung um gleich 72 Hundertstel einen gro­ßen Anteil dar­an trug, dass man sich an das Rennen in Braunschweig noch lan­ge erin­nern wird.

Zum ers­ten Mal seit 19 Jahren lie­fen gleich zwei Athletinnen unter 52 Sekunden. Auch Pahlitzsch blick­te danach etwas ungläu­big auf die Anzeigetafel. „Das hat­te ich abso­lut nicht erwar­tet“, sagt sie. Zwar hat­te sie auch schon im Vorjahr bei den Deutschen Meisterschaften in Berlin Silber geholt, damals in 52,87 Sekunden. Doch das Jahr 2020 war bis zur DM bis­lang alles ande­re als opti­mal ver­lau­fen, und das nicht nur wegen Corona.

Schwierige Vorbereitung

Im ver­gan­ge­nen Dezember war die 26-Jährige nach Beendigung ihres Studiums aus den USA nach Deutschland zurück­ge­kehrt. In Berlin trai­nier­te sie erst­mals seit drei Jahren wie­der in der Halle und plag­te sich prompt mit Knieproblemen und einer Knochenhautentzündung her­um. An die stei­len Kurven in der Halle muss­te sich ihr Körper erst wie­der gewöh­nen. In Arizona war es warm genug gewe­sen, um ganz­jäh­rig drau­ßen zu trai­nie­ren.

Hinzu kamen der Wechsel der Trainingsgruppe und des Vereins. Bei der LG Nord Berlin war sie auf ein­mal die ein­zi­ge Frau in der Truppe. „Da kam schon eini­ges zusam­men“, sagt Karolina Pahlitzsch. Wo sie die Leistungssteigerung bei der DM her­ge­holt hat, weiß sie des­halb selbst nicht so genau. „Vielleicht brau­che ich den Druck, um Leistung zu brin­gen“, ver­mu­tet sie. „Ich hat­te Glück, dass ich mich auf Bahn drei ein­fach hin­ten dran­hän­gen konn­te. 100 Meter vor dem Ziel habe ich dann gemerkt, dass die ande­ren noch nicht all­zu weit weg sind und lang­sa­mer wer­den. Das hat mir noch ein­mal einen zusätz­li­chen Schub gege­ben.“

Neuer Verein, alter Trainer

Fünf Jahre ver­brach­te Pahlitzsch in den USA, um zu stu­die­ren. Zunächst an der University of Nebraska-Lincoln, spä­ter dann an der University of Arizona in Tucson. Weil sich jedoch die Kommunikation zwi­schen den Trainern in den USA und in Deutschland schwie­rig gestal­te­te – so tra­fen zum Beispiel Trainingspläne zu spät ein –, kehr­te sie Ende 2019 in die Heimat zurück.

Sie schloss sich der LG Nord Berlin an, einer der füh­ren­den Vereine in der Hauptstadt. Allerdings nur unter der Voraussetzung, dass ihr lang­jäh­ri­ger Coach Bernd Knobloch eben­falls mit­ge­hen durf­te. „Ich woll­te mei­nen Trainer nicht ver­las­sen. Wir arbei­ten jetzt seit zehn Jahren zusam­men und haben des­halb einen Verein gesucht, der uns bei­de auf­nimmt“, sagt sie. Bei der LG Nord hat sie mit Nadine Großkopf jetzt noch eine zwei­te Betreuerin an ihrer Seite. Großkopf und Knobloch tei­len sich die Aufgaben. Bis 2019 star­te­te Pahlitzsch noch für den SV Preußen Berlin, davor trug sie das Trikot der LG Nike Berlin und des LAC Berlin. Mit der Leichtathletik begon­nen hat­te sie einst beim TSV Tempelhof-Mariendorf.

Hoffnung auf die Staffel

Mit Pahlitzsch hat die LG Nord eine wei­te­re Athletin bekom­men, die auch inter­na­tio­nal die Farben des Vereins ver­tritt. Zwei Mal war sie bis­her Teil des DLV-Teams bei einem Großereignis der Erwachsenen: 2018 bei den Europameisterschaften in Berlin, als sie mit der 4x400-Meter-Staffel Sechste wur­de, und bei der WM 2019 in Doha (Katar), wo sie Teil der deut­schen Mixed-Staffel war, die aller­dings schon im Vorlauf die Segel strich.

Die 4x400-Meter-Staffel der Frauen war in Doha gar nicht erst ver­tre­ten. Nach der jüngs­ten Leistungsexplosion in Braunschweig, wo im Finale gleich fünf Langsprinterinnen per­sön­li­che Bestleistungen erziel­ten, ste­hen die Chancen für die kom­men­den Aufgaben deut­lich bes­ser. „Wir haben uns alle gestei­gert. Wenn wir das auf Staffel über­tra­gen kön­nen, haben wir gute Chancen, bei Olympia dabei zu sein“, meint Karolina Pahlitzsch. Wobei sie auch dem Mixed gegen­über offen ist: „Ich lau­fe bei­de Staffeln gern“, sagt sie.

Zweite Option über die Hürden

Auch mit Blick auf die 400 Meter Hürden will sich die Berlinerin nicht fest­le­gen. In der Vergangenheit star­te­te sie schon des Öfteren über die Langhürden und war dabei natio­nal und inter­na­tio­nal äußerst erfolg­reich. Unter ande­rem wur­de sie 2011 Deutsche U18-Meisterin und kam bei der U18-WM bis ins Halbfinale; 2013 wur­de sie Vizemeisterin und EM-Siebte in der U20; 2014 dann auch Vizemeisterin bei den U23-Juniorinnen. Bei den Deutschen Meisterschaften der Aktiven beleg­te sie zuletzt 2016 Rang sechs.

Wir trai­nie­ren die Hürden immer noch regel­mä­ßig“, sagt sie. „Das ist eine will­kom­me­ne Abwechslung vom rei­nen Lauf- und Sprinttraining. Ich möch­te mir ein­fach die­se Möglichkeit offen­hal­ten. Mit mei­ner jet­zi­gen 400-Meter-Zeit kann ich auch über die Hürden noch ein­mal einen Sprung mache.“ Oberste Priorität haben aktu­ell den­noch die Flachstrecke und die Staffel.

 

Philip Häfner

Quelle: www.leichtathletik.de/news