Elena Krawzow über ihre Gedanken in der Corona-Krise

Diese Quälerei! Wie habe ich sie gehasst! Normalerweise wäre ich jetzt, wäh­rend ich dies schrei­be, im Höhentrainingslager. Alles geben für die Paralympics. Ich hat­te gro­ße Ziele für Tokio, war gut drauf, ich woll­te, dass 2020 mein Jahr wird.

Die Absage kam nicht über­ra­schend. Man hat es ja geahnt. Mit gesun­dem Menschenverstand ist das alles ver­ständ­lich und natür­lich auch rich­tig. Aber als Sportlerin? Als die Verschiebung ganz offi­zi­ell war, bin ich schon in Schockstarre ver­fal­len. Ich hat­te ande­re Pläne.

Und jetzt bin ich, ehr­lich gesagt, ziem­lich plan­los. Ich füh­le mich nicht rich­tig „sor­tiert“. Als Sportlerin lebt man mit und in einem Zeitplan. Ich wuss­te immer, was ich machen muss, wasin zwei Wochen ansteht und wel­cher Wettkampf in zwei Monaten war­tet. Und jetzt? Wie geht es wei­ter? Und wann?

Wir hat­ten das gro­ße Glück, dass ich die gan­ze Zeit trai­nie­ren konn­te, meis­tens sogar im Wasser. Dank einer Sondergenehmigung des Senats. Das hat mir Halt gege­ben. Trotzdem gab und gibt es auch im Training Unsicherheiten. Was geht denn nun? Was darf man?

Auch die Pläne abseits des Sports las­sen sich nicht ver­wirk­li­chen. Nach mei­nem erfolg­rei­chen Abschluss zur Physiotherapeutin woll­te ich eigent­lich nach Tokio mei­ne Prüfung in manu­el­ler Therapie machen. Doch das kann ich nicht vor­zie­hen, die Schule ist jetzt zu. Und mei­ne Familie in Kasachstan, die ich so lan­ge nicht gese­hen habe, kann ich auch nicht besu­chen. Die Lage dort ist viel schlim­mer als bei uns. Keiner darf rein oder raus.

Zum Glück ste­hen mei­ne Sponsoren und Unterstützer wei­ter zu mir, beglei­ten mich auf dem Umweg nach Tokio. Doch eini­ge der Unternehmen machen Kurzarbeit. Können sie mich auch in Zukunft unter­stüt­zen? Ehrlich gesagt, mache ich mir da gro­ße Sorgen und habe manch­mal Existenzängste.

Doch wir haben ja alle zu kämp­fen. Jeder auf sei­ne Weise. Also ver­su­che ich, die posi­ti­ven Dinge zu sehen.
Jetzt haben wir zum Beispiel Zeit, im Training inten­siv an mei­nen Schwächen zu arbei­ten, die Explosivität und Sprungkraft ste­hen im Fokus. Das wäre in nor­ma­len Zeiten gar nicht mög­lich gewe­sen.