Page 11 - OSP Einblicke 2-2020
P. 11

Der 21 Jahre alte Hürdensprinter vom SCC Berlin hat das   ler und ich bekomme dadurch sogar noch mein Fachabitur.“
         Zeug, um vielleicht schon 2021 bei den Sommerspielen   Aber: „Nur für den Sport zu leben, war ein krasser Schritt. Mit
         in Tokio dabei zu sein. Dafür verzichtet er inzwischen auf   der Umstellung auf das neue Leben hatte ich am Anfang ein
         Tiefkühlpizza.                                       paar Probleme“, erzählt der Sprinter mit deutschen und gha-
                                                              naischen Wurzeln.
         Und plötzlich im                                     Emil Agyekum betritt in seiner Karriere einen Bereich, wo es

                                                              mittlerweile nur noch um Kleinigkeiten geht. „Früher war es
         Perspektivkader                                      viel Talent, jetzt muss man mehr dafür trainieren und nicht ein-
                                                              fach so drauflosballern“, sagt er. Neben dem Talent entscheidet
                                                              vor allem die richtige und saubere Technik zwischen und über

         Aus zwei letzten Läufen werden doch drei, aus einem kurzen   den Hürden über Sieg und Niederlage im Lauf. Doch auch da-
         Stretching noch ein paar Übungen zur Kräftigung mit dem   vor und danach muss alles optimiert werden. Denn bei 49,69
         Medizinball. Eigentlich hatte sich Emil Agyekum auf ein zwei-  Sekunden soll noch lange nicht Schluss sein, das Ziel ist die
         stündiges Training eingestellt, an diesem Dienstagabend aber   Qualifikation für die Olympischen Spiele in Tokio. Und da kann
         ist er drei Stunden im Mommsenstadion beschäftigt. Aber so   man durchaus sagen, dass Emil Agyekum so etwas wie ein Ge-
         ein Hochleistungssportler ist ja flexibel und kann auf Planän-  winner der coronabedingten Verschiebung auf 2021 ist. „Das
         derungen reagieren. Die wichtigste hat er in Gedanken schon   bringt mir Zeit und eine bessere Chance, dort dabei zu sein“,
         vollzogen: Anstatt sich selber noch am Abend an den Herd zu   sagt er. Zumal er in diesem Jahr nach einem Trainingslager in
         stellen und zu kochen, wird asiatisch geordert. Das Gute dar-  Südafrika verletzt war und die Corona-Zeit zum Ausheilen und
         an: „Wenn ich das nach dem Training bestelle, ist es da, wenn   zur Regeneration nutzen konnte. Aber: „Der Wettkampf hat
         ich zu Hause bin“, erzählt der 21-Jährige.           mir schon sehr gefehlt, denn irgendwann war das sehr lang-
                                                              weilig, wenn man nur trainiert.“

         Doch noch muss er sich weiter dehnen, auch wenn es schon
         nach 19 Uhr ist und sich der Rest seiner Trainingsgruppe sowie
         der Trainer selbst bereits verabschiedet haben. Dass es, so wie
         an diesem Dienstag, auch mal etwas länger gehen kann und
         sogar muss, wenn es für eine große Karriere reichen soll, hat
         Emil Agyekum spätestens vor fast gut einem Jahr erkannt. Am
         11. Juli 2019, als Corona doch eher noch als Biermarke denn
         als Virus wahrgenommen wurde, war der gebürtige Berliner
         so schnell wie nie zuvor in seinem Leben. In 49,69 Sekunden
         absolvierte er bei der U23-Europameisterschaft in Schweden
         die 400 Meter Hürden und gewann überraschend Bronze.
         Plötzlich war er im Perspektivkader für die Olympischen Spiele
         in Tokio und damit in eine neue Welt gesprintet. Nicht zu Un-  Die ersten Wettkämpfe im Juli kamen genau richtig und waren
         recht, wie sein Silberlauf in 49,78 Sekunden bei der Deutschen   die perfekte Vorbereitung für die Deutsche Meisterschaft in
         Meisterschaft  in  Braunschweig  zeigte.  Nicht  nur  wegen  der   Braunschweig, wo der Trainingsfleiß und alle Änderungen im
         Corona-Pandemie war die Zeit zwischen diesen beiden Me-  Leben mit einer Zeit unter 50 Sekunden und der Silbermedail-
         daillen „irgendwie surreal. Mein Leben hat sich ganz stark ver-  le belohnt wurden. Während andere Leichtathleten auf eine
         ändert“, erzählt er, während neben ihm aus einer Bluetooth-  Teilnahme verzichteten, war der Berliner Nachwuchssprinter
         Box amerikanischer Rap läuft. Diese Box und das Handtuch,   froh, dass es diese Meisterschaft gegeben hat. „Natürlich will
         auf dem er während des Stretchings sitzt, sind in den vergan-  man sich im Training verbessern, aber man will ja auch mal
         genen Monaten seine treuen Trainingsbegleiter geworden.  im Wettkampf sehen, was man kann und wo man damit in
                                                              Deutschland und international steht“, erzählt Emil Agyekum
                                                              und blickt auf die Uhr. Aus dem geplanten 30-minütigen Ge-
         Emil Agyekum demonstriert,                           spräch sind mittlerweile 45 Minuten geworden. Bloß gut, dass
                                                              man in Berlin auch noch zu etwas späterer Zeit Essen bestellen
         wie man eine Hürde nimmt.                            kann.

                                                              Mehr über Berlins Nachwuchssportler erfahren Sie in der Serie
         Emil Agyekum hat alles auf die Karte Sport gesetzt, sogar die   „Berlins junge Sporthelden" der Berliner Zeitung.
         Schule vorzeitig beendet. Stattdessen absolviert er ein Freiwil-
         liges Soziales Jahr bei seinem Heimatverein, dem SCC Berlin.
         „Die Kombination ist für mich der ideale Weg zum Profisport-



                                                                                                                   11
   6   7   8   9   10   11   12   13   14   15   16